Projektion

Ok. Ich wage es also mal über Projektion etwas zu schreiben.

Ich beginne mit einer klassischen Geschichte. Franz und Lilli kannten sich schon einige Zeit. Es war schön. Sie hatten viel gemeinsam. Sie kochten gerne zusammen. Sie lasen sich gegenseitig schöne Gedichte vor. Der Sex war schön. Alles bestens.

Eines Abends kam Lilli mit dem Wunsch ein gemeinsames Kind zu bekommen. Franz war innerlich völlig von den Socken. Alles lief so schnell ab in ihm, dass er es gar nicht mitbekam. „Was? Wieso? Es läuft doch alles so super? Und was ist dann mit meiner Freiheit?“ Äußerlich aber nahm er Lilli in den Arm und bat sie ein anderes Mal darüber zu reden.

Doch es wütete und brütete in ihm. Unbewusst. Wie konnte sie nur? Weshalb ausgerechnet jetzt? Es war doch alles so perfekt?

Plötzlich wurde alles kompliziert. Franz war immer öfter einfach genervt. Hatte wenig Zeit für gemeinsame Stunden. Verabredete sich mit Freunden. Zog sich offensichtlich zurück.

Das ging auch an Lilli nicht vorüber. Auch sie war immer öfter grantig und unentspannt. Auch sie hatte keine Lust viel Zeit mit ihm zu verbringen und verkroch sich hinter ihrem Hobby: Dem Malen.

Eines Abends kam es zum Eklat. Er warf ihr vor, sie wäre ständig nur genervt, sie habe keine Lust auf Sex mehr (Oh – klassisch!), sie verkrieche sich hinter dem Malen und überhaupt wollte er wissen, was denn eigentlich mit ihr los sei?

Ihr ging es ja nicht anders und konfrontierte ihn wutentbrannt damit, dass er ja keine Zeit mehr hätte, nur noch was mit seinen Freunden machen wolle etc. Also ein Wort gab das andere.

Beide waren stinksauer. Beide dachten an Trennung.

Was war geschehen?

Lillis Wunsch nach einem Kind, triggerte in Franz etwas was ihm bis dahin völlig unbewusst war. Irgendwie kam heraus, dass es in Franz Kindheit ein traumatisches Erlebnis gab, bei dem er sich selbst geschworen hatte, nie, nie, niemals ein Kind in die Welt zu setzen. Und genau dieses Erlebnis wurde durch ihren Wunsch getriggert. Es war ihm gar nicht mehr bewusst gewesen, was damals in ihm passiert war, als sich seine Eltern getrennt hatten. Und all seine Wut von damals kam jetzt auf einmal völlig ungebremst hervor und richtete sich auf Lilli.

Und Lilli erkannte für sich, dass sie es nicht aushalten konnte, dass Franz nicht mit ihr sprach. Sie kannte dies auch aus ihrer Kindheit. Sie hatte immer das Gefühl, dass da ein Geheimnis wäre. Dass ihre Eltern ihr etwas verheimlicht hatten. Auch bei ihr wurde etwas angestoßen. Auch bei ihr war es Wut.

Das wäre ein Beispiel für Projektion. Die Wut ist in ihm. Ihr Wunsch, ihr Bedürfnis hat diese Wut in Gang gesetzt, ja. Doch sie war schon vorher da.

Und andererseits hat sein Nicht-Sprechen (oh – wie klassisch :-)) in ihr auch etwas angestoßen, was schon immer da war, aber nicht gesehen werden konnte.

(Wie schön wäre es, wenn sich so einiges so einfach und schnell auflösen und zeigen könnte, wie in dieser Geschichte…)

Prinzipiell möchte ich zu diesem Thema folgendes sagen:

Auf der spirituellen Ebene gibt es nur das eine Selbst. Das Absolute. So etwas wie das Ego gibt es nicht. Und wenn alles nur eine Erscheinung im Bewusstsein ist, weil nur ES ist, dann ist ALLES Projektion. Ich. Du. Er. Sie. Jedes Wort. Die Situation. Die Welt.

Alles erscheint in einem großen Space. Im Bewusstsein. Und Bewusstsein hat keine Wertung. Alles darf da sein. Alles ist gleich – gültig. Da gibt es keine Wertung wie: „Dies ist angenehm und jenes nicht.“ „Jenes ist nicht erlaubt, während anderes erlaubt ist.“ Keine Wertung. Keine Beurteilung. Einfach nur da. Weil es da ist. Da ist schlichtweg einfach nur etwas was erscheint. Egal ob gut oder schlecht. Es IST einfach. Da gibt es auch nicht den Funken einer Idee, dass etwas Projektion wäre.

Diese Idee gibt es nur auf der menschlichen Ebene:

In der Psychologie ist Projektion laut Wikipedia ein „Abwehrmechanischmus. Der Begriff Projektion umfasst das Übertragen und Verlagern eines innerpsychischen Konfliktes durch die Abbildung eigener Emotion, Affekte, Wünsche, Impulse, die im Widerspruch zu eigenen und/oder gesellschaftlichen Normen stehen können, auf andere Personen, Menschengruppen, Lebewesen oder Objekte der Außenwelt“.

Übersetzt heißt das ungefähr so viel wie: Alles was dich an anderen, an dir selbst, an Situationen, an der Welt triggert (sprich aufregt, ärgert,..) ist IN dir. Hat eine Ladung in dir und hat nichts mit dem Außen zu tun. (Auch wenn natürlich, wie wir oben gesehen haben, ALLES nur IN dir erscheint. Aber das ist eine andere Geschichte :-)). Das erklärt natürlich warum dich manches furchtbar aufregt, während es an einem anderen einfach spurlos vorüber geht. Jeder hat da so seine eigene Geschichte. Seine eigenen Erfahrungen.

Ich könnte es auch anders formulieren: Alles ist ein Spiegel deiner Selbst. Es ist, wie wenn du in den Spiegel schaust. All das bist du. All die Emotionen sind in dir. Nein, stimmt nicht, jede Emotion BIST du. Da gibt es dann also solche, die ärgern, aufregen, berühren, etc… und andere die mit dir offenbar nichts zu tun haben. Aber auch das BIST du, nur gibt es da halt keine Ladung drauf.

Das Interessante daran ist für mich: Es scheint also möglich eine Erinnerung an etwas zu haben, und frei von Emotion zu sein. Und es scheint möglich zu sein, eine Erfahrung zu haben, die emotionsgeladen ist.

Interessant wie ich finde. Es hängt also weniger mit der Erfahrung bzw. der Erinnerung selbst zusammen, als viel mehr mit der damit gekoppelten Emotion. Die Erinnerung können wir nicht löschen. Aber was ist mit dem Gefühl? Können wir dieses entkoppeln? Ist es möglich die „reine“ Emotion zu fühlen?

Ja! Dazu fällt mir eine schöne Geschichte ein: Ich war wundervoll verliebt. Es war eine besondere Liebesgeschichte. Ich verband diese Liebe mit einer bestimmten Person. Diese Person hatte aber ihren eigenen Weg. Und ging diesem nach. Der Verlust schien mir unüberwindlich. War doch das Gefühl von LIEBE an diesen Menschen gekoppelt. Doch eines Nachmittags als ich vor meinem Haus saß, sah ich, wie in mir die Emotion von der Person entkoppelt wurde. Dann war da nur noch das Gefühl von LIEBE. Einfach nur so. Und es durfte da sein. Endlich da sein.

Dies könnte als Rücknahme der Projektion bezeichnet werden. Es bedurfte nicht mehr der Person im Außen um LIEBE zu erfahren. Es wurde erkannt, dass da einfach grad nur LIEBE IST. Aber das war nicht etwas, was ich, Angelica, gemacht habe, oder hätte machen können. In diesem Fall geschah es einfach.

Es ist also nicht so, dass uns die Angst im Nacken sitzt, die Emotion an uns festhält, sondern eher so, dass es da etwas oder jemanden in uns gibt, der an daran festhalten möchte. Ja möchte. Weil es zur eigenen Story gehört. Der eigenen Lebenslüge – quasi.

Kurz zurück zu der Geschichte von Franz und Lilli. Ich seh da grad das Bild vor mir eines grünen Kobolds der Franz im Nacken sitzt und ihn daran erinnert, dass er nie, nie, niemals ein Kind in die Welt setzen wollte. Franz erinnerte sich (glücklicherweise) daran, wie er sich damals als Scheidungskind gefühlt hatte.

Doch wer hat hier das sagen? Franz oder der Kobold? Würde Franz sich nicht mehr an sein inneres Versprechen halten, wer wäre er dann? Was für ein Mann wäre er? Was würde zum Vorschein kommen? Was müsste (dürfte) er leben?

Dasselbe gilt für Lilli. Sie hatte sich davor geschützt die Wut zu fühlen, dass da ein unausgesprochenes Geheimnis war, das ihr vorenthalten wurde. Auch bei ihr saß ein Kobold auf der Schulter. Wäre er nicht, was müsste sie dann tun? Wie würde sich ihr leben verändern (müssen)?

Vielleicht gab es deswegen zwischen Franz und Lilli so eine Anziehung. In der Fachsprache Resonanz genannt. Damit jeder für sich den eigenen Kobold entlarvt! Wer weiß das schon?

Für mich persönlich gibt es da übrigens dzt DIE Methode, von Lama Allione Tsültrüm, die für die Klärung und Auflösung von Kobolden etc. Sehr, sehr hilfreich wie ich finde. Doch eines ist dabei wichtig. Da muss man schon ganz schön mutig sein. Und das mein ich jetzt wirklich so. „Dämonen Nahrung geben“ ist nichts für Weicheier. Sorry der Ausdruck. Es ist eine Möglichkeit zur Konfrontation mit dir Selbst. Mit jenen Anteilen in dir, die dir nicht bewusst sind, und dich ständig am Laufen halten.

Das Bild des Kobolds geht an dieser Stelle noch weiter: Beide Kobolde hatten sich so sehr gefreut endlich einen anderen zu erkennen. Einen der so ähnlich tickt, einen der die Welt so sieht wie sie selbst. Aber mittlerweile hat sich Franz‘ Kobold im Kampfposition begeben. Sein Muster war aktiviert. Franz bemerkte es nur daran, dass Lilli plötzlich so komisch mit Rückzug reagierte. Und Lillis Kobold nahm dieselbe Position ein. Auch Lilli bemerkte es nicht. Nur das ablehnende Verhalten von Franz, das konnte sie sehen.

So jetzt sitzen da also diese Kobolde und jeder für sich weiß, dass er im Recht ist. Denn es ist ja die eigene Erfahrung. Und daran gibt es nichts zu rütteln. Der Kampf beginnt. Aus der Freude wurde Kampf. (Eigentlich sehnen sich beide Kobolde nur nach Befreiung aus diesem Gefängnis. Haben also beide dasselbe Ziel.)

Wie könnte die Geschichte nun weitergehen?

Lilli (oder auch Franz) ist so geistesgegenwärtig zu sehen was da eigentlich abgeht und wird zum Spiegel (also nicht, dass das so geplant wird, das geschieht einfach) und die Wut verebbt allmählich, weil sie kein Gegenüber mehr hat. Keine Resonanz. Das Spiel, der Kampf ist langweilig geworden.

Franz (oder auch Lilli) wird zu einem schwarzen Loch und absorbiert alles. Das wäre für mich dann ein Schamane.

Lilli (oder auch Franz, auch wenn es oft die Frauen sind) verlässt den Schauplatz. Zieht sich ganz in sich selbst zurück. Findet die Anteile in ihr, die wütend sind. Findet das kleine Mädchen bzw. den kleinen Jungen und nimmt ihn liebevoll in den Arm, bis es sich beruhigt hat und im Frieden ist. Und kann dann wieder aus dem Rückzug hervorkommen.

Franz (oder auch Lilli, wobei …) meint, es hätte nichts mit ihm zu tun. Und verlässt innerlich wütend den Schauplatz. Er wähnt sich im Frieden. In der Einheit. Ist ja nur Lilli, die so komisch ist. Dann geht das Spiel an anderer Stelle weiter. Denn glaubst du etwa, der Kobold möchte gern im Gefängnis bleiben?

Möglich wäre dann natürlich noch, dass keiner der beiden mitbekommt was da gerade passiert. Jeder projiziert auf den anderen. Dann gibt ein Wort das andere. Der Streit ist vorprogrammiert. Lösung keine in Sicht. Aber das kennen wir ja zur genüge.

Was braucht es da also in diesem Spiel genannt Projektion?

Erkennen wer du wirklich bist, in dem Gewahrsein zu ruhen und die Geschichte, Geschichte sein lassen. Sie abspielen lassen. Jedes Gefühl „durchziehen“ lassen, das dabei auftaucht. Der Kraft alles übergeben, die diese Geschichte hervorgebracht hat.

Aber dafür braucht es schon ein bisschen Wissen und natürlich auch Gnade.

Und es braucht Mut, Integrität, Sehnsucht nach Frieden und Glückseligkeit.

Letztendlich führt mich dieser kleine Ausflug zu dem Schluss, dass es besser wäre zu erkennen wer wir wirklich sind und damit das Spiel der Projektion zu durchschauen. Und wenn Projektion da ist, dann ist da Projektion. Punkt. Allein das Bewusstsein darüber macht den Unterschied.

Zu erkennen, dass alles ein Spiel im Bewusstsein ist. Eine Erscheinung im großen, weiten Raum. Es ändert nichts daran ob sie da ist oder nicht. Darf einfach sein. Weil sie ist. Kommt und geht.

Aber bis wir alle dazu fähig und bereit sind das zu erkennen und danach zu leben, wird vielleicht noch etwas Zeit vergehen.

Soviel zu meinen Gedanken zu Projektion.

Und WO projizierst DU gerade?

Was zeigt sich gerade in deinem Leben, mit dem du nicht umgehen kannst/ willst?

Gegen wen und warum kämpfst du?

Kavitha ~ 2018