Über das NEIN-SAGEN-DÜRFEN

Abends wenn ich mit meinem Sohn im Bett liege, erzählt er mir wie es ihm geht und wie sein Tag so war. Und Dabei erzählt er mir manchmal auch von seinen Herausforderungen.

Unlängst kam es zu zwei Situationen, in denen sein Nein entweder nicht gehört oder nicht geduldet wurde. In der einen Situation wollte er gern einfach nur eine bessere Schreibunterlage und beim anderen Mal hätte er dringend seinen Raum gebraucht, um sich wieder besser zu spüren. Als ich ihn fragte, wie es ihm damit gehe, meinte er nur: Nicht gut.

Also machte ich mir Gedanken dazu, ob ein Kind Nein sagen darf oder nicht.

Ich sage ganz klar. JA. Ein Kind darf Nein sagen. Es darf sich seinen Raum nehmen und seine Grenzen wahren. Jedes Nein zu jemanden bedeutet ein Ja zu sich selbst. Auch kann ein Nein bedeuten, dass das Kind sich erst mal Raum schaffen muss um in die Situation oder das gemachte Angebot rein zu fühlen. Um sich zu spüren. Um die Antwort in sich zu finden.

Ich habe mich in meinen Gedanken zuerst einmal zurück erinnert an Situationen, wo ich nicht Nein sagen durfte und was es mit mir im Laufe der Jahre gemacht hat. Dabei sind mir folgende wesentliche Punkte eingefallen:

Ein Kind, dass nicht Nein sagen darf, verliert möglicherweise seine Stimme. Seine Sprache.(Im besten Falle nur im übertragenen Sinn). Wenn es dazu genötigt wird, zu etwas Ja zu sagen, was es innerlich nicht spürt, verliert es den Kontakt zu sich selbst. Zu den eigenen Gefühlen. Es sorgt für Verwirrung und Unsicherheit. Sehr leicht kann es so zu einer Marionette der Bezugspersonen werden. Und es kann sogar soweit gehen, dass es beginnt seine eigenen Bedürfnisse zu verleugnen .

Wenn es verlernt in sich hinein zu spüren und seine Gefühle ständig in Frage stellt, wird es früher oder später immer jemanden brauchen, der für ihn Nein oder Ja sagt. Es wird abhängig. Das macht es traurig und frustriert. Es darf und kann sogar irgendwann nicht mal mehr für sich selbst entscheiden und wird in seiner Autonomie wesentlich eingeschränkt. Es hört auf für sich selbst zu denken.

Da stellt sich mir die Frage: Wollen wir das?

Es ist wahrscheinlich so, dass es von Erwachsenen umgeben ist, die selbst nie Nein sagen durften. Denen es verboten wurde, ihre eigene Meinung zu haben und denen Gehorsam anerzogen wurde. Ist es dann ein Wunder, wenn diese Kinder wenig oder gar keine Dankbarkeit mehr kennen? Ich finde nicht. Denn zu Gehorsam erzogene Menschen tragen einen großen Berg an Wut und Frustration in sich. Und wenig Dankbarkeit. Sie sind nicht mehr Herr ihres Lebens. Es wurde ihnen die Autonomie entzogen.

Das klingt alles sehr dramatisch und ich finde, das ist es auch. Oder kann zumindest so sein.

Was also tun, wenn dein Kind „ständig“ Nein sagt. (Tut es ja nicht oder nur dann, wenn ihm ständig etwas aufgezwungen wird und es beginnt seine Eigenständigkeit zu verlieren.) Also wenn es ständig deine Pläne oder sogar deine Bedürfnisse durchkreuzt oder missachtet, dann gilt es in den Dialog zu gehen. Zu erforschen, weshalb es Nein sagt und was es zu einer Kooperation braucht. Ich habe mittlerweile die Einstellung, dass Kinder grundsätzlich immer kooperieren wollen. Nur manchmal verstehen wir Erwachsenen das schlichtweg nicht. Das war nicht immer so. Ich habe mich halt auch ent-wickelt. Also wenn ich davon ausgehe, dass Kinder grundsätzlich kooperieren wollen, weil sie grundsätzlich und schon gar nicht vorsätzlich daran interessiert sind, jemandem zu schaden, dann ist der Dialog eine gute Möglichkeit. Treten wir in den Dialog, in Beziehung zu unserem Kind, können wir herausfinden was sie zu dem Nein bewegt. Wir lernen das Kind zu verstehen in seinen kindlichen Ansichten. Die mögen den „erwachsenen“ Ansichten zwar widersprechen, haben aber genauso ihre Gültigkeit. Erst dann, wenn wir es gehört haben, können wir unsere Argumente vorbringen und es zu einem Lernprozess anregen. Dieser kann übrigens auf beiden Seiten stattfinden.

Zugegeben, es braucht anfangs viel mehr Zeit als ein kurzes, klares Nein. Doch wenn wir unsere Kinder zu selbständig denkenden Erwachsenen begleiten wollen, dann ist der Dialog und das gegenseitige Kennenlernen eine gute Möglichkeit. So werden unsere Kinder zu Menschen, die nicht nur gelernt haben ihre eigenen Grenzen zu wahren, sondern die auch bereit dazu sind, die Grenzen anderer zu wahren. Sie lernen liebevoll zu sich und zu anderen zu sein. Und sie lernen auch auf eine „gesunde“ Art und Weise wie ein gutes Zusammenleben möglich ist.

Kinder, die nicht Nein sagen dürfen, können auch im entscheidenden Moment nicht Nein sagen. Sie müssen ständig Grenzüberschreitungen durch andere (Eltern, Mitschüler,..) hinnehmen und verleugnen sich selbst.

Da stellt sich mir die Frage: Wollen wir das? Oder wollen wir lieber Wege finden, unsere Kinder zu stärken. Sie stark zu machen für diese Welt. Nicht im Sinne von Ellenbogenmentalität, sondern im Sinne eines wohlwollenden Miteinanders.

Dazu dürfen wir aufhören es besser zu wissen. Wir dürfen damit aufhören für unsere Kinder zu sprechen. Anstatt ihnen ihre Autonomie zu entziehen, dürfen wir sie darin bestärken für sich selbst zu sprechen und einzustehen. Kann das gehen, wenn wir ihnen ihre Stimme verbieten? Wenn wir sie ihrer Eigenständigkeit berauben? Ja, sie werden Fehler machen und sie werden mit den Konsequenzen leben lernen. Sie werden lernen damit umzugehen, aber nur, wenn sie noch mit sich selbst in Kontakt sind.

Nach all meinen Überlegungen weiß ich jedenfalls für mich: Wenn mein Sohn wieder mal Nein sagt, gehe ich in den Dialog mit ihm und lerne ihn noch ein Stück besser kennen.

Wie siehst du das? Darf dein Kind Nein sagen? Darf es etwas, was du für gut befindest – meist für besser – auch mal ablehnen? Was glaubst du passiert, wenn du deinem Kind das Nein verbietest?

Kavitha – 2021

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