Heute habe ich folgendes beobachtet: Ein Papa holt seinen 7jährigen Sohn vom Sommercamp ab. Er hat auch noch sein zweites (jüngeres) Kind mit dabei. Das ältere Kind möchte noch kurz bleiben. Der Papa willigt ein und geht mit dem Jüngeren in den Garten um zu warten. Dann zückt er sein Handy und schwupps „weg“ ist er. In „seiner“ Welt. Der Welt der Erwachsenen. Der Welt der Arbeit. Während er so in sein Handy vertieft ist, beginnen beide Jungs Unsinn zu machen. Genervt versucht der Papa – während er sein Handy fest im Griff hat – den Unsinn zu unterbinden. Zwecklos. Die Jungs machen einfach weiter.

Ich habe dies beobachtet – und übrigens kann natürlich für einen Papa auch eine Mama eingesetzt werden – und mir dabei die Frage gestellt: Sehe ich mein Kind? Also sehe ich es wirklich? Wie oft bin ich auch selbst so vertieft in „meine“ Angelegenheiten, dass ich gar nicht wirklich wahrnehme, was mein Kind wirklich braucht. Oder ob ich ihm wirklich zuhöre. Es ist schon erstaunlich, wie sehr wir Erwachsenen von unseren Kindern einfordern, dass sie uns zuhören. Und wir, was tun wir? Kein Wunder, dass dann Unsinn dabei raus kommt.

Meine ehrliche Antwort war: Nein. Ich sehe ihn nicht immer. Ich höre ihn auch nicht immer. Oft bin ich mit meiner Aufmerksamkeit ganz wo anders, selbst, wenn ich eine Frage gestellt habe. Es bedarf echter Aufmerksamkeit um echte Begegnung zu erfahren. Und unsere Kinder fordern es ein. Werden sie nicht und nicht gehört, kommt immer Unsinn raus.

Mein Gedanke spinnt sich weiter. Wie gut tut es mir selber, wenn mir jemand zuhört. Wenn mir jemand seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Ja. Das tut mir gut. Und drum möchte ich dies auch meinem Kind zuteil werden lassen.

Können wir Eltern sehen, wie groß die Liebe unserer Kinder ist, dass sie sich selbst zurücknehmen für unser aller Wohl?

Können wir wahr nehmen, wie viel Kinder leisten – im Kindergarten, in der Schule. Und noch mehr in dieser unsicheren Zeit?

Kindergarten ist nicht einfach nur spielen. Das ist eine Erwachsenen-Sicht. Es ist höchste Konzentration und Anstrengung. Es wird dabei so unendlich viel gelernt. Doch meist betrachten wir es aus unserer Sicht. Da sieht es dann so klein und nichtig aus. Doch unsere Kinder meistern so unendlich viel. Und trotzdem – lachen sie und bringen uns hin und wieder zum lachen.

Schule ist unendlich fordernd für unsere Kinder. Und gerade jetzt – mit social distancing – das fordert ihre totale Mitarbeit (ihrer Intuition widersprechend – denn Kinder wollen Berührung). Das gehört gewürdigt und wertgeschätzt. Und nicht für selbstverständlich gehalten. Und schon gar nicht kritisiert.

Schon allein ein Besuch auf dem Spielplatz ist größte Konzentration, höchstes Lernen – auch wenn es Spaß macht, so sind so viele Sinne gleichzeitig in stetiger Aktion. Was lernt ein Kind am Spielplatz, fragst du dich? Es lernt balancieren. Es lernt klettern. Es lernt auf andere Rücksicht nehmen. Es lernt einen Sandkuchen formen. Ja, aus Erwachsenen-Sicht ganz einfache Dinge. Nicht so für ein Kind.

Es ist diese völlige Konzentration auf das was es gerade tut – eine Höchstleistung. Auch – oder vielleicht gerade weil – es mit voller Freude bewerkstelligt wird, so brauchen Kinder Pausen.

Ich frage mich gerade, wie viele Kinder eigentlich echte Pausen bekommen. Die 5-Minuten-Pause in der Schule? Die 10-Minuten-Pause auf der Fahrt vom Kindergarten zum Schwimmtraining?

Bekommt dein Kind echte Pausen?

Nur wer nahe an seinem Kind ist, es wirklich sieht/hört/wahrnimmt, kann ihm das schenken, was es wirklich braucht. Sogar ein klares Nein, kann leicht akzeptiert werden, wenn das Kind sich wirklich gesehen fühlt.

So oft testen sie uns. Sie testen uns, ob wir wirklich präsent sind. Spätestens dann, wenn Unsinn daraus entstanden ist, reagieren wir Eltern. Warum nicht schon früher?

Ich wünsche mir heute, dass mehr und mehr Eltern ihre Kinder wirklich sehen. Ihnen wirklich zuhören. Und wirklich bereit sind, ihren Kindern auf Augenhöhe zu begegnen. (Was nicht heißt, sich als Eltern wie ein Kind zu benehmen. Obwohl das manchmal hilfreich und lustig sein kann.) Und auch, dass wir Eltern so nah an unseren Kindern sind, dass wir sogar bereit sind, von ihnen zu lernen. Das bedarf Mut. Es ist ein anderer Zugang zu unseren Kindern. Es zeigt von Größe. Und bedeutet radikale Selbstehrlichkeit und Selbstreflexion.

Wie siehst du das? Siehst du dein Kind wirklich? Siehst du wieviel es leistet? Siehst du die Nöte? Siehst du die Sehnsüchte. Siehst du die Großartigkeit, selbst wenn sie dir widersprechen sollte? Siehst du den Mut, wenn Kinder etwas Neues wagen?

Ich lass dich mal mit deinen Gedanken und Beobachtungen…

Kavitha – Juli 2020

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